Nutzlose Zeugen

by Goetz Steeger

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about

more information: www.goetzsteeger.de

credits

released February 1, 2016

Produced By Goetz Steeger
Mixed by Bente Faust at Off Ya Tree Studio, Hamburg
Mastered by Frank Wöhst
Cover Painting: "RéseauSocial" by tOad

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Goetz Steeger Hamburg, Germany

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Track Name: Mit grossen Flügeln
MIT GROSSEN FLÜGELN

Wir fuhren mit quietschenden Fahrrädern in den angebrochenen Tag
Hinterm Deich hob sich die Sonne und die Schafe sahen uns nach
Der Weg war voll von deren Fladen, auf Schildern wurde man gewarnt,
dass sie bei Berührung explodierten, wir mussten Zick Zack fahren
Ein Rumoren aus der Ferne, zehntausend Vögel schreckten hoch,
da zeigtest du auf eine Böschung, und sagtest: „Jetzt wird alles gut“
Wir gingen hin, du knietest nieder und nahmst etwas in die Hand,
es war die Raupe, du hattest sie von weitem schon erkannt
Berührtest sie mit einem Finger, danach war sie weg
kam mit grossen Flügeln wieder und zeigte uns den Weg

Mit dem Sommerwind im Rücken fuhren wir hinter ihr her
Ab und zu war sie verschwunden, um in anderer Form zurückzukehren
Als Libelle und als Hummel, Schmetterling und Fledermaus
Dann verloren wir sie doch, das war kurz vor dem verfallenen Haus,
vor dem ein trauriger alter Mann saß, auf den Stufen vor der Tür
Er sah uns an und sagte leise, es ist schon lang niemand mehr hier
außer mir und einer Dohle, die verlernt hat zu fliegen
vor vielen, vielen Jahren, seitdem ist sie bei mir geblieben
Du warfst einen Krümel zu der Dohle auf’s Dach,
sie flog mit großen Flügeln los, der alte Mann sah ihr nach

Wir versuchten noch ihr zu folgen, doch ein Sturm kam von vorn
Irgendwo im tiefsten Dickicht haben wir sie endgültig verloren,
Aus dem Regen murmelten Stimmen endlose Kalkulationen
ihr unverbindliches Gesäusel klang mehr und mehr nach Gejohle
Sie verstummten mit dem ersten Lichtstrahl, jetzt hörten wir Gesang
von einer kleinen zarten Frau, die vor einem Ginsterbusch stand
Sie schien dich zu kennen, ging direkt auf Dich zu,
und du fragtest leise: „Was kann ich tun?“
Sie sagte: „Gib mir Deine Panik, zeig mir Deine Angst,
schenk mir Dein Vertrauen und ich mach es zu Gesang“
Track Name: Nutzlose Zeugen
NUTZLOSE ZEUGEN

Der ausbrechende Feuersturm ist unser Cue
Wir müssen raus auf das freie Feld
Genau in dem Moment, in dem der qualmende graue Ascheregen
auf unsere dunklen Mäntel fällt
Dazu das Rot des Himmels und die Flammen aus den Häusern
als krasser, abgefahrener Gegensatz
zu unseren Silhouetten, die einfach immer weiter gehen
durch eine Welt, die nichts mit uns gemeinsam hat

Als man uns anzoomt, bleiben wir stehen
und nehmen lässig unsere Vintage-Gitarren in die Hand
Wir singen einen fein gesponnenen Chorus
für den Kauernden da hinten an der einzigen noch stehenden Häuserwand
Dass er noch nicht mal aufschaut, so als wäre er taub,
ist uns egal, wir wollen hier ohnehin nicht bleiben
Voller Gleichmut sehen wir über ihn hinweg
und schreiten langsam aus dem Bild
als Nutzlose Zeugen

Daheim im Good Time Reservat sind wir die Narrenavantgarde
des ironisch-unverfänglichen Geschmacks
Mondäner Country, ohne Stallgeruch,
aber durchaus auch outspoken, wenn uns im Quartier etwas nicht passt
Statt des großen, neuen Edelpuffs, fordern wir ein kleines Abgerocktes
im subversiv urbanen Charme,
wo Unterwelt auf Kreative trifft, wie früher,
bevor die wild gewordenen Städteplaner kamen

Gebt uns neue Nischen, wo wir die Ersten sind, die wieder rumstehen,
ihr wisst ja, dass die Szene auf uns hört
Man wird sich hier an uns gewöhnen,
auch der Hackenporsche mit Stallgeruch,
der quer durch unsere Pointen fährt,
wird seinen alten Pfad schon bald verlassen, wenn er merkt,
dass wir es vorziehen, unter uns zu bleiben
Dann sehen wir zu, wie unvorteilhaft sich hier die Fassaden ändern
als Nutzlose Zeugen

Auf unseren Endlos-Odysseen haben wir alles längst gesehen,
an jedem Elend sind wir schon vorbeispaziert
Unsere Impulse sind zerfasert, unsere Rückgrate verglast,
unsere Großhirnrinden pretraumatisiert
Wer kann sagen, welche Art von Katastrophe morgen schon
durch unser süßes Leben fährt
Für die Option in unseren Händen, das Blatt tatsächlich noch zu wenden,
haben wir viel zu viel zu verlieren
Nutzlose Zeugen
Track Name: In der Zwischenzeit
IN DER ZWISCHENZEIT

Im Andenken an Rafael Chirbes

Du kommst mit nichts, du gehst mit nichts,
aber so geht das Stück in Wahrheit nicht
Die Requisiten werden aufgebaut,
und dann erst geht der Vorhang auf

Ein Mobile mit Sonne, Mond und Sternen,
das Fläschchen immer vorgewärmt
Fliegen die an deinen Augen kleben
die Knochenhand zu schwach, um dich zu heben

Gehen die Entbehrungen nie zu Ende
oder fällt Dir Alles in die Hände
Der Jahrgang, den Du am Kamin genießt,
der Klebstoff, den Du nach dem letzten Freier schniefst

Du kommst mit nichts, du gehst mit nichts,
was für ein schwacher Trost das ist
Fällt den Geschundenen und Benachteiligten
es dadurch leichter zu verzichten?

Die Früchte faulen ja doch, so wie ich und du,
solange sie saftig sind, hängen sie zu hoch
Das Brot verschimmelt, bevor es verteilt ist,
das Eis im Whiskey schmilzt, wenn es heiß ist

So wie heute, und wenn es nach dir ginge, könnte es gern so bleiben,
dann lässt du dich auf deiner Yacht ins Blaue treiben
oder an Deck gepfercht mit ein paar hundert Anderen,
um als Ungeduldeter im Paradies zu landen

Du kommst mit nichts, du gehst mit nichts,
ach komm, hör auf, erzähl mir nichts
du klammerst dich an Dingen fest,
solange du am Leben bist

Fläschchen, Smartphone, Schmusekater,
Membership Card und Rollator
oder du hast vergessen, was begehren heißt,
weil du immer nur ins Leere greifst

Begehren, das ist der reiche Garten,
in dem Genießer auf Erfüllung warten
Eingezäunt und von Militär beschützt,
gegen die Masse, die einfach nur hungrig ist

Du kommst mit nichts, du gehst mit nichts,
was soll das heißen angesichts
der permanent geraubten Gelegenheit,
hier unten in der Zwischenzeit
Track Name: Das Bankett
DAS BANKETT

Du sitzt am Kopf der Tafel, gekürt als Klassenbeste
Mit aufgesetzt gönnerhaftem Blick zählst du jeden Bissen der übrigen Gäste
Und während du dein lamentierendes Wort gegen Andere erhebst,
schleusen zahlenkundige Buchhalter
die altbewährte Troika aus Hunger, Tod und Krankheit nach Europa,
als diktierte Zwangsmaßnahme, natürlich ohne Alternative
So wie alles andere an eurem Tisch Ersonnene,
so wie das ganze Haus, dessen Risse ihr immer wieder mit dem Elend
anderer zu kitten versucht
und Keiner der Gedemütigten wagt es, die Tafel zu verlassen
Die Fäden seiner eigenen Verstrickungen brächten ihn schon
beim ersten Schritt zu Fall,
ohne jedes Zutun

Deine Klagen über das deutsche Los des Zahlmeisters
sickerten giftig in die noch offenen Wunden von Thessaloniki bis Kreta
Man erinnert sich dort besser als hier,
wer alles ein Meister aus Deutschland war,
und wie er dort das Beherrschen seiner Mörderdisziplinen
hunderttausendfach unter Beweis gestellt hat
Bezahlen wolltest du dafür nie und jetzt, so sagst Du,
geht es längst um ganz andere Dinge

Deine Reden an die eigene Nation sind gespickt mit vulgären Wortbrocken,
hingeworfen als Futter für die Lohngedumpten
Mit der dumpfen, von dir eingeredeten Schuld im Nacken,
ständig über ihre Verhältnisse gelebt zu haben,
sind sie dir jetzt noch dankbar, dass andere und nicht sie
verhöhnt am Pranger stehen
So zeigen sie hämisch mit dem Finger auf eine Armut,
die ihnen tief im eigenen Nacken sitzt
Und fühlen sich berufen, als Devisen bringende Billigflieger
das griechische Personal zu schikanieren,
mit deinen Worthülsen an ihren enger geschnallten Gürteln
Track Name: Wann ist es soweit?
WANN IST ES SOWEIT?

Irgendwie war mir ein bisschen flau im Magen heute morgen nach dem Aufwachen. Aber die Werte sind alle top wie immer. Also, Schwamm drüber, ich schluck die ersten 75 Pillen, trink meinen Smoothie, setz mich aufs Mountainbike, und da warten die beiden schon, jung, shapy und gut gelaunt - am Startpunkt unseres regelmäßigen Wochenendtrips über die Hügel. Das ist unser Innovationsspeedway, wie wir sagen, die Route mit der optimalsten Belastungskurve und oben am höchsten Spot dem besten Blick ins Valley. Wie oft hatten die Beiden eine neue wahnwitzige Idee, die sie mir schwer keuchend während der langen Bergauffahrt erzählt haben, nur zu bremsen durch gezielte Fragen meinerseits. Bis sie mich eines Tages restlos überzeugt hatten. Ich nannte eine Summe, so hoch, dass sie in einen endlosen Gröhl-Refrain verfallen sind: „Disrupt, Disrupt“. Seitdem geht es nur noch um die eine Frage. Ich stelle sie gleich zu Anfang:
„Wann ist es soweit?“

Immer noch kein Breakthrough, sondern wieder mal nur ermüdendes Gelaber über die Probleme im Labor. Nanobots die irgendwo im Kreislauf hängenbleiben oder sich selbst zerlegen. Ich kenn das alles auswendig, aber diese Pennäler, wie sie sich beim Reden überschlagen, kann ich manchmal kaum noch ertragen. Was allerdings auch nervt ist dieses fiese Stechen in der Brust. Ich werde deswegen langsamer, und die beiden werfen sich vielsagende Blicke zu. Erstmal oben angekommen, ist es Zeit für den nächsten Schub an Vitaminen und Mineralien. Dann schauen wir runter auf die Kathedralen der Zukunft. „Auf diesen Anblick“, sage ich, „möchte ich niemals verzichten, und ihr wisst, wie ich das meine. Ich sag Euch was, ich werde noch mal das Doppelte drauflegen, aber nur unter der Bedingung, dass der D-Day noch in diesem Jahr stattfindet.“ Die Reaktion lässt mich innerlich erschauern. Keine Spur mehr von Euphorie, noch nicht mal Dankbarkeit, nur ein beiläufiges „Schaun wir mal!“ Bevor wir dann zurückfahren, setzen die Beiden ihre Kopfhörer auf. Sonst habe ich jetzt das Ganze immer mit ein paar motivierenden Sprüchen abgerundet. Stattdessen muss ich mir nun den ganzen Weg über mein eigenes Gehechel anhören, bis die Beiden mir noch unverbindlich zuwinken und mich ohne ein Wort zurücklassen.

Die nächste Pillenlieferung ist seit Tagen überfällig, ich hab vorhin die letzten Enzyme geschluckt. Ich habe schon x-mal deswegen gepostet, aber keine Reaktion. Dabei haben sie mir ja pausenlos eingehämmert, dass ihre Anti-Aging-Brücke nur greift, wenn man sich lückenlos an die Dosierung hält. Außerdem wissen diese beiden Verkünder des ewigen Lebens doch genau, dass ich sowieso mitkriege, was sie zwischenzeitlich in der Cloud so von sich geben. Die tragen da neuerdings mit einem Vokabular auf: genetische Verwertbarkeit, biologische Effizienz - fast schon skrupellos, als wären sie auf nichts und niemanden mehr angewiesen. Sind sie womöglich auch nicht. Vielleicht haben die auch Einbrüche auf meinem Gesundheits-Monitoring ausgemacht und mich längst aus ihrer Liste gerankt. Fragt sich nur, ob sie es nicht wenigstens noch für lohnend erachten, mein Gehirn upzuloaden, und bis sie das hinkriegen, müssen sie mich schon noch als Ganzes saven.

Ach, dummes Zeug! Bestimmt haben sie einfach nur nicht die Traute mir persönlich zu sagen, dass sie weiter im Dunkeln tappen, gesponsert von meinem Kapital. Es hilft ja nichts, ich muss mir die Pillen wohl selbst besorgen. Ich steig ins Auto und sage in leicht gereiztem Ton: „Anti-Aging-Tabletten“. Während es losfährt, höre ich das Klicken der Zentralverriegelung. Ich denk mir nichts dabei, wundern tue ich mich allerdings über die Suchmaschine. Normalerweise braucht die ein paar Sekunden, Apotheken gibt es ja überall, aber sie findet offenbar nichts. Mann, ist mein Hals trocken, ich kann kaum schlucken, das ist diese Scheiß-Klimaanlage, die sich neuerdings nicht mehr abstellen lässt. Hier entlang des Boulevards waren die Commercials auf den elektronischen Postern immer genau auf mich zugeschnitten, wenn ich hier vorbeikam. Jetzt ist alles schwarz und immer noch keine Suchergebnisse.
Wohin fahren wir eigentlich?
Track Name: Les Amoureux du Causse Méjean
LES AMOUREUX DU CAUSSE MEJAN

Ainsi sommes nous enfin sur la petite route qui longe de la rivière. Devant
nous les deux rochers, qui s’rapprochent d’autant plus que nous roulons.

„Maintenant ils s’embrassent“, dis-tu peu avant le tunnel,
et comme chaque fois je manque le moment.

Plus tard, alors que nous sommes arrivés, je peux voir, encore dans tes
yeux, le baiser. Tout le reste, ce qui était invisible d’en-bas, tu vas me le
montrer maintenant, je l’espère.
Track Name: Unter der Sichel eines neuen Mondes
UNTER DER SICHEL EINES NEUEN MONDES

Es begann mit einem Prediger, der verkündete die Botschaft,
dass alles, was in Gottes Namen wachse seinen Preis hat.
Bekreuzigte sich, wenn sie abends ihre Pfeife rauchten,
und riet ihnen sich das Kraut doch gegenseitig zu verkaufen.
Doch auch der Zorn des Herrn konnte sie nicht zu Konkurrenten machen.
Er riss das Kraut samt Wurzel aus dem Boden,
die Kinder sahen es und lachten.
Ein Landvermesser, der hier scheinbar zufällig vorbeizog,
nahm die Pflanzen auf seinem Wagen mit nach Keetmannshoop.

Nur ein paar Tage später kam ein anderes Gespann,
ein aufgedunsener Farmer, der Soldatenlieder sang.
Sein Dolmetscher schlug mit leeren Augen neben ihm den Takt,
hinter ihnen auf dem Karren stand ein großes Fass mit Schnaps.
Außerdem noch Brot und Schinken und ein schillerndes Portrait
von einem Mann auf dessen Blechschädel ein goldener Adler steht.
Ein Mann mit Hörnern im Gesicht und Augen, die an allem vorbeisehen.
„Kommt her und seht ihn an, das ist er, euer deutscher Kaiser!“

An die Fünfhundert waren es, die noch am selben Abend anmarschierten,
zogen Zäune, hissten Fahnen, die den deutschen Boden markierten.
Der Major, der die Ersten morgens in die Arbeit hetzte,
ließ seine Brüllereien mit der Peitsche übersetzen.
Guter deutscher Boden braucht ein deutsches Herrenhaus
und Kolonnen von Schikanierten und Betrogenen, die es bauen.
Doch als die Truppe weiterzog, fing eine Stille an zu brennen,
von allen Seiten lauernd auf den richtigen Moment.

Unter der Sichel eines neuen Mondes,
wenn die Schlangen am Haus einen Türspalt finden.
Unter der Sichel eines neuen Mondes
und alle Nilpferdpeitschen über Nacht verschwinden.
Niemand weiß wo der Hausboy steckt,
draußen glimmt noch Feuer, doch die Zelte sind weg.
Vogelschwärme flattern grundlos auf,
und eine rote Sonne nimmt ihren Lauf.

Bald spannte sich ein Netz von Warmbad bis nach Swakopsmund,
der Eine wies der Kompanie den Weg, der Andere griff ein Schlüsselbund.
Und so kamen sie an Gewehre und lernten zu verstehen,
was außer Panik hinter deutschen Augen noch so vor sich geht.
Witbooi, Cornelius und Morenga wussten, was den Feind verwirrt
und am Fuß der großen Karasberge hätte es fast funktioniert.
Aber Schiffe kamen mit mehr Geschütz und neuen Bataillonen,
doch seit jeher gab es hier immer auch noch andere Methoden.

Unter der Sichel einer neuen Mondes,
wenn der Westwind die Geschehnisse lenkt.
Unter der Sichel einer neuen Mondes,
und die Wolken schwarz über den Hütten hängen.
Eine Puppe liegt blass im kalten Schein.
Jemand kommt und sticht einen Dorn in sie rein.
Und mit dem ersten Regen auf verdorrtem Gras,
wirft er sie vor den Bau den Termiten zum Fraß.

Die Termiten kamen, doch die Puppe rührten sie nicht an.
Stattdessen fand sie ein Vertreter, der sie als Souvenir mitnahm.
Solche wie ihn gab es jetzt Viele hier, die wussten wie das geht,
dass man den Leuten ihr Verderben als Lotteriegewinn andreht.
Die deutsche Landgesellschaft kroch voran wie ein riesiges Insekt
und die hier lebten wurden in Lager gesteckt.
Als vergessene Trophäe auf einem Boden in Berlin,
lag schon seit Jahren jetzt die Puppe, auch der Dorn steckte noch drin.
Ob es am Westwind lag, dass Ameisen im Spätnovember kamen
und kein Bisschen von ihr übrig ließen. Und ob es Zufall war,
dass sich die Landgesellschaft auflöste, verschuldet mit Milliarden,
es war November 1918 und auf deutschen Straßen brannten Barrikaden.

Inspiriert von dem Roman „Morenga“ von Uwe Timm
Track Name: The Captain
THE CAPTAIN

The last thing that the captain did,
was to turn the ship around
Now he’s floating in the sea of blood,
waiting for the storm to let him drown

The last thing that the captain said,
was „I never can go back,
’cause with what I saw, I could never live
the life I used to have“

Swaying vessels on the horizon,
crammed with people, some stood and waved
The wind carried their screams towards us
We were trying our best, but it was too late

We passed a line of human bodies,
for miles and miles and miles and miles
Then the order came to get back on track,
’cause we were loosing too much time

A detonation somewhere in the distance,
then the waves washed everything away
All that remained was endless silence
and our ship fading into the grey
Track Name: Göttin und Wolf
GÖTTIN UND WOLF

Er war plötzlich da, wie aus einem Schattenreich,
verbindlich lächelnd, groß und bleich,
als würde er dich kennen, doch du hattest ihn noch nie gesehen
Ob es an Deinem Tinnitus lag
oder daran, dass er so leise sprach,
du konntest ihn beim besten Willen nicht verstehen

Trotzdem nicktest du, woraufhin er verschwand,
dann kam er wieder mit zwei phosphorgrünen Drinks in der Hand
Auf deine Frage, was das sei, sagte er, diesmal laut und deutlich:
„Ein Investment in die Zukunft“, du dachtest, du hörst nicht richtig
und er griff nach deiner Hand, dabei starrte er ins Leere
Ein Schauer überkam dich, dennoch ließt du ihn gewähren

Sein Etagenloft war direkt gegenüber der Bar,
dort bliebst du öfter jetzt und nicht nur, weil es praktisch war
In seiner leisen Schlacksigkeit war er so anders als die Anderen
Irgendwann bliebst du dann auch am Tage da,
putztest das exklusive und verdreckte Inventar
Er kniete vor Dir und machte Fotos mit seiner edlen Old School Kamera

Die hingen dann in der ganzen Wohnung, du konntest das nicht leiden,
doch er bestand darauf, die Bilder seinen Freunden zu zeigen,
denen er dann en detail erklärte wie simpel das doch ist,
dass man ein langweiliges Motiv ein bisschen glamourös erscheinen lässt
Du warfst die Kamera auf den Boden und ranntest rüber in die Bar,
nach ein paar grünen Drinks stand er dann plötzlich wieder da

Er starrte dich an und sprach dabei so seltsam monoton,
als zitierte er aus einer unbekannten Religion,
seit deinem krassen Abgang vorhin, sei es ganz um ihn geschehen
Nannte dich Göttin, die in Gestalt einer Tarrantino-Bitch
aus dem Olymp ins Irdische herabgestiegen ist,
um ihn zu finden, ihn, einen Wolf, so wie der aus Pulp Fiction,

der Probleme scannt und auf seine Weise löst,
und weil er wusste, dass du ja doch zu ihm zurückkehren wirst,
hat er die Fotos abgehängt und seine Kamera in Sicherheit gebracht,
falls der Zorn der Göttin sich abermals entfacht
Irgendwie warst du geschmeichelt, gleichzeitig wolltest du nur weg,
aber du bliebst sitzen und später dann nahm er dich wieder mit

Das war der Anfang eurer Zweisamkeits-Tristesse
Allmählich hattest du dir eine Schutzschicht angefressen
gegen die schleichend leise Kälte, in seiner Nähe
Seine wenigen Momente scheinbarer Empathie
gehörten meist neu gekauften Dingen, dir galten sie jedenfalls nie
Wenn du irgendwas davon auch nur berührtest, fletschte der Wolf die Zähne

Doch als die verchromte Espressomaschine, eine Göttin wie du
neu und protzend in der Küche thronte, da hattest du genug
Schlugst alles kurz und klein, der Wolf war gerade nicht da
Dann gingst du einfach aus der Tür, das war ein schöner Tag
Ein paar Wochen später, irgendwo, in einem banalen Augenblick,
stand er plötzlich wieder vor dir und fragte: „Kommst Du mit?“
Track Name: Daheim in den Grauganskolonien
DAHEIM IN DEN GRAUGANSKOLONIEN

Freiheit ist ein hohes Gut in den Grauganskolonien
Es ist nur aus freien Stücken, wenn sich hier Niemand traut zu fliegen
Was aus der Welt noch rauszupressen ist, verramscht man alles hier,
auf den Märkten, wo die Graugänse gewinnen und verlieren

Verschlagenheit und Gier, das ist ihr wahres Naturell
Sie sagen es selbst, man hat es ihnen auch lang genug erzählt
Zwischen loyal dezentem Schnattern und Bierbiker-Gesang
waren die Worte, die du sagtest, das einzige, das nach Freiheit klang

Kultur wird großgeschrieben, in den Grauganskolonien
Zu willigem Säuselgesang rutscht man hier auf den Knien
In den Arenen zeigen Leinwände unter Tränen und Gebrüll
aus dem Stall gelassene Rage und eingezäuntes Mitgefühl

Die Feuilletons beleuchten mal von links und mal von rechts
an die tausend Pop-Facetten ein und desselben großen Nichts
Doch als neulich deine Stimme den Kanon unterbrach,
da war die Kolonie für einen Augenblick erwacht

Information ist das Futter in den Grauganskolonien
Die vorgekauten Brocken, die sich wie von selbst in die gestreckten Hälse schieben,
machen ahnungslos genug, um jede Schuld von sich zu weisen,
aber doch so eingeweiht zu wissen, wo die Geier gerade kreisen

Die müden, überreizten Augen schauen auf den verarmten Horizont
Ob das die prophezeite Katastrophe ist, die unaufhaltsam näher kommt
oder ein grausames Exempel gegen jeden, der die Schwarmrichtung stört?
Als ich Deine Stimme hörte, wusste ich, das hat nicht gewirkt